Endlich Sommerferien – Buchkapitel

Endlich Sommerferien

„Rosaaa!!!“ schrie Peter und fuchtelte aufgeregt mit den Armen, als er Rosa und ihren Vater aus dem kleinen, grünen Fiat aussteigen sah. Seit mindestens zwei Stunden hockte er am Fenster und spähte hinaus. „Rosaaa!!!“ schrie er gleich noch mal und polterte die Treppe hinunter, um seine beste Freundin und ihren Vater zu begrüßen. „ Endlich wieder Ferien! Juhu!!! Es war so langweilig ohne dich!“ Obwohl Rosa einen halben Kopf größer war als Peter, packte er sie mühelos und wirbelte sie herum. „Lass looos! Lass mich los!! Mir ist noch übel von der Fahrt!“ protestierte Rosa laut. „Ist mir egal!“ rief Peter und drehte sich noch schneller. „Ich muss mich übergeben, wenn du nicht aufhörst!“ Rosa wurde etwas grün um die Nase. Peter wirbelte sie noch einmal herum und stellte sie wieder ab. Dann sprudelten die Neuigkeiten aus ihm heraus: „Hanka hat zwei Ziegen gekauft und eine hat vorgestern ein Baby bekommen! Und Zwei kleine Katzen! Sie hat sie am Straßenrand gefunden! Stell dir vor, jemand hat sie dort einfach abgeladen und sich selbst überlassen.“ „Wie gemein!“ empörte sich Rosa und ballte die Fäuste. „Du sagst es.“ Peter schob seine Brille zurecht und fuhr fort. „Hanka hat sie eingesammelt und aufgepäppelt, aber jetzt haben sie Flöhe und müssen Medizin fressen! Sie heißen Mai und Juni und sind beide pechschwarz. Ach! Das hätte ich beinah vergessen: Lydia kriegt in den nächsten Tagen ein Baby!“ „Waaas?!! Echt?!!“ fragte Rosa aufgeregt. Ihre Augen weiteten sich vor Begeisterung und ihre Übelkeit verschwand augenblicklich. Sie hat noch nie einer Kuh beim Kalben zugeschaut. Rosas Traum war nämlich Tierärztin zu werden und sie konnte sich kaum etwas Aufregenderes vorstellen als die Geburt eines Kälbchens.

Rosa freute sich sehr wieder in Rycerka zu sein, dem kleinen Dorf in den malerischen Beskiden. Sie freute sich Peter wiederzusehen und in Hankas Armen zu versinken, auf ihr kleines Zimmer unter dem Dach, auf die Hühner, die Wachteln, sie freute sich…. Ach, einfach auf alles. Kaskaden des Glücks umspülten ihr Herz und sie lächelte versonnen. „Das Neueste weißt du noch gar nicht“ Peters Worte purzelten mitten in Rosas Glücksgefühl. „Was?“ „Na ja, ich darf in den Ferien bei euch wohnen. Hanka hat mit meiner Oma gesprochen und sie hat eingewilligt. Dann haben wir das zweite Dachzimmer entrümpelt, ein Bett reingestellt, Bolek zimmert gerade Regale, ab nächste Woche kann ich bei euch wohnen und ….
Weiter kam er nicht. „Juhu!“ Rosa hüpfte wie ein Ball umher. Jetzt konnten sie ihre Abenteuer auf die Nachtzeit ausdehnen, die sowieso spannender war. Schon allein die Geräusche im Wald oder auf der Wiese in den späten Abendstunden oder gar nach Mitternacht bescherten einem eine herrliche Gänsehaut und Bauchkribbeln.

Endlich Sommerferien - Buchkapitel

Nein, es war Peter nicht peinlich, Rosa zu umarmen, obwohl sie ein Mädchen war und sie beide schon 11 Jahre alt. Sie kannten sich seit ihrer „Windelzeit“, wie man im Dorf manchmal witzelte und schon in ihrer „Windelzeit“ verstanden sie es, wie man ein ganzes Dorf in Aufregung versetzt. Jeden Sommer verbrachten sie zusammen. Im Laufe der Jahre kamen noch ein paar Freunde dazu, aber ihre Freundschaft blieb die Stärkste.

„Hallo Peter“ – sagte Herr Abenteuer, dabei reckte und streckte er seinen knapp zwei Meter großen, hageren Körper, der stundenlang in einer Klappmesserstellung in diesem winzigen Auto gesteckt hat. „Deine Maße haben sich verändert“ – stellte er fest während er Rosas Koffer aus dem Auto wuchtete. „Letztes Jahr waren deine Proportionen irgendwie anders. Beine, Rumpf, Arme standen in einem harmonischen Verhältnis zueinander und jetzt… mein lieber Herr Gesangsverein, jetzt passt nichts mehr zusammen; Arme zu lang, Beine zu lang und zu dünn, oh, deine Nase ist auch gewachsen.“ „Guten Tag Herr Abenteuer“ sagte Peter und errötete angesichts der Feststellung, dass seine Nase gewachsen sei. Herr Abenteuer war Architekt und dachte in Längen, Breiten, Winkeln und Ecken. Für ihn waren Menschen wie Häuser; entweder stimmten die Proportionen oder eben nicht. Jemand anderes hätte vielleicht gesagt: „Mensch, Peter, du bist vielleicht gewachsen seit dem letzten Jahr“. Herr Abenteuer stellte lediglich fest, dass Peter jetzt andere Körpermaße hatte.
Rosa stand verlegen neben ihrem Vater und ihre ohnehin schon roten Wangen wurden eine Spur dunkler. Sie schämte sich ein bisschen für ihn. Gott sei Dank kannte Peter Herrn Abenteuer gut und nahm es gelassen hin, von ihm begutachtet zu werden. Früher dachte er, Herr Abenteuer sei einfach witzig, aber Rosas Vater war nicht witzig. Darüber hinaus verstand er auch keine Witze und wenn man mit ihm sprach, hatte man das Gefühl, er sei in Gedanken ganz woanders. Das war er in der Tat.
Herr Abenteuer entwarf im Geiste ununterbrochen Häuser, Museen, Bahnhöfe oder dachte über die Bausünden seiner Kollegen nach. Man musste sich also gehörig anstrengen, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Wenn man sie erstmal hatte, war er ein wacher und interessanter Gesprächspartner.

Rosa scharrte ungeduldig mit den Schuhspitzen. Sie wollte endlich ihren Koffer zur Hanka bringen und kniff Peter in die Seite. „Los! Komm! Hilf mir tragen! Ihr könnt euch später über die Länge deiner Beine unterhalten.“ Peter war erleichtert Herrn Abenteuers prüfenden Blicken entkommen zu können. Zusammen schleppten sie Rosas unzählige Taschen ins Haus.

„Na, Peterchen. Endlich hast du deine Freundin und ich meine Enkelin wieder“ Hanka nahm ihnen den Koffer ab, schloss Rosa lachend in ihre mächtigen Arme und drückte sie an ihren ebenso mächtigen Busen. Sie herzte und küsste sie und Rosa genoss es vom ganzen Herzen, von diesen starken Armen umschlungen zu sein. Das war der sicherste Platz auf der ganzen Welt, davon war sie fest überzeugt. „Du bist ja ein richtiges Fräulein geworden seit Ostern. In eurem Alter geht das Wachsen so schnell. Ich freue mich so, dass du endlich da bist. Wir haben dich sooo vermisst. Nicht nur ich, auch die Hühner, besonders Cäcilia. Und Moses natürlich.“ Moses war ein gigantischer Stier, den Rosa zusammen mit Hanka mit der Flasche großgezogen hat, nachdem die Mutterkuh bei der Geburt gestorben war. Das war genau vor zwei Jahren. Hankas eigenwillige Kühe wollten ihn nicht adoptieren und so kam es, dass Hanka und Rosa, die gleich im Stall neben Moses ihre Decken ausgebreitet und an ihn geschmiegt geschlafen hat, nachts aufstehen mussten: Hanka zum Melken, Rosa zum Füttern. Nachts schlich sich auch Paco in den Stall und schleckte den Babystier ab. Der stolze, unnahbare, halbwilde Schäferhund, der nur auf sich, Pfarrer Jurko und Hanka hörte, verwandelte sich – zur Verwunderung aller – in einen zärtlichen Vater, der sich um seinen etwas zu groß geratenen Welpen kümmerte. Nach dem Abschlecken bot er Moses seinen massigen Körper als Kopfkissen an.

„Ich habe euch auch vermisst!“ sagte Rosa und ihre Miene verdüsterte sich. Sie wollte für immer in diesem Dorf und bei Hanka bleiben. Darüber hat sie schon oft mit ihren Eltern gesprochen, bis jetzt ohne Erfolg. Natürlich liebte Rosa ihre Eltern aber sie träumte davon bei Hanka zu leben und Tierärztin zu werden.
„Komm, wir bringen den Koffer in dein Zimmer “ Peter wollte nicht, dass Rosa noch trauriger wurde und sprang vom Stuhl auf. Er griff nach dem Ungetüm und kapitulierte sogleich bei dem Versuch es hochzuheben. „Sag mal, sind da Steine drin oder warum ist er so schwer?“ „Nö. Geschenke für Hanka. Neue Töpfe und Pfannen, glaube ich.“ Sie entriegelte die Verschlüsse und der Deckel sprang auf. „Zwei große und zwei kleine Pfannen, 3 kleine und 3 mittlere Töpfe, zwei Paar Gummistiefel“ Peter stellte alles auf dem Boden ab. Wie auf Kommando erschienen Mai und Juni. Mai hüpfte in den Koffer und beschnüffelte Rosas Kleider und Juni versuchte es sich in einer der großen Pfannen gemütlich zu machen. Rosa schnappte sich die Katzen und drückte jeder einen dicken Schmatzer auf die Nase. „Ihh, weißt du wo sie mit ihren Schnauzen schon überall waren? Ist ja ekelhaft“ entfuhr es Peter. Doch Rosa war es egal. Nachdem sie Mai und Juni ausgiebig geknuddelt hatte, drückte sie die beiden in Peters Arme wo sie erstmal einen Niesanfall bekamen. „Oh nein! Die haben mich vollgerotzt! Jetzt kann ich mich erstmal waschen, ihgitt!“ Peter setzte die beiden in den Koffer und verzog das Gesicht. Herr Abenteuer und beobachtete stirnrunzelnd die Szene. Langsam erhob er den Zeigefinger seiner rechten Hand und wollte gerade Rosa zur Ordnung rufen, da umschlossen ihn Hankas starke Arme. Seine Mutter drückte ihm einen Schmatzer auf die linke und einen auf die rechte Wange, dann kniff sie ihn in die Rippen, verwuselte sein akkurat gekämmtes Haar und sagte lachend: „Du Besenstiel, dünn wie eh und je. Etwas mehr Speck an den Rippen würde dir gut stehen und dein Gemüt beruhigen. Klappergestelle sind nun mal nervös!“ Herr Abenteuer errötete fürchterlich. Rosa und Peter lachten, bis ihnen die Bäuche wehtaten. Der spindeldürre, zwei Meter große Mann sah in Hankas Umarmung einfach nur komisch aus. Kaum zu glauben, dass er ihr Sohn war, denn Hanka war klein und dick. Übrigens sagte Rosa nie Oma, obwohl Hanka ihre Oma war. Hanka war zu lustig und zu verspielt, um Oma zu sein, behauptete Rosa. Deshalb würde Rosa niemals Oma zu ihr sagen.

Nachdem Herr Abenteuer sich mühsam aus der Umklammerung befreit hatte, schaute er gespielt ernst zu den Kindern, die immer noch lachten und sagte: „Ihr erzählt es aber niemandem. Ist das klar?“ „Buahhh! Schon klar!“ brüllten sie und mussten noch mehr lachen. Hanka stimmte in das Gelächter mit ein. „Jetzt hab dich doch nicht so, lass ihnen und mir den Spaß.“ Dann scheuchte sie alle drei an den Tisch und servierte das beste Essen der Welt: Pellkartoffeln, selbstgemachten Quark, Rührei mit Steinpilzen, die sie am Morgen gesammelt hatte und Sauermilch. Anschließend gab es noch den besten Erdbeerkuchen der Welt. Und so verbrachten sie den ganzen Nachmittag: Essend, erzählend und lachend. Später gesellten sich noch Hankas Hühner dazu und warteten geduldig auf Kuchenkrümel. Ein Huhn hielt sich jedoch nicht an die Regeln und flatterte zuerst auf den freien Stuhl, dann auf den Tisch und landete direkt vor Rosa. „Cäcilia!“ Rosa umarmte ihr Lieblingshuhn, griff vorsichtig unter Cäcilias Flügel und kitzelte sie unter den Achseln. Cäcilia gackerte und schüttelte sich dann schmiegte sie ihren Kopf an Rosas Hals. Rosa biss ein Stück Kuchen ab, zerkaute es, dann öffnete sie den Mund. Darauf hat Cäcilia gewartet. Vorsichtig begann sie die Krümel herauszupicken. „Muss das sein?“ Peter wandte sich angewidert ab. Er liebte Tiere mindestens genauso wie Rosa, dennoch… bei der Vorstellung, ein Tier würde aus seinem Mund Essen herausfischen, wurde ihm ganz flau. „Vielleicht hat sie vorhin einen widerlichen fetten Wurm gefressen und jetzt sind seine Reste in deinem Mund“ stichelte er. Doch Rosa beachtete ihn nicht. Geduldig wartete sie, bis Cäcilia den letzten Rest aus ihrem Mund gepickt hat. Dann setzte sie Cäcilia auf ihren Schoß, wo sie augenblicklich wegschlummerte.

Am späten Nachmittag verkündete Herr Abenteuer, dass er nun nach Hause fahren müsse. „Das Museum wartet auf meine Vorschläge zum Umbau und ich habe erst die Hälfte bearbeitet.“ Dann wandte er sich an Rosa: „Mach mir keine Schande, Kind. Peter, pass gut auf sie auf. Wer weiß, was ihr in diesem Sommer spannendes einfällt. Er umarmte seine Tochter herzlich und küsste sie auf den Scheitel. Dann klopfte er Peter auf die Schulter und wollte Hanka auch nur ganz kurz umarmen. Daraus wurde aber nichts, dann Hanka ließ es sich nicht entgehen, ihn nochmal an sich zu pressen, sein frisch gekämmtes Haar zu verwuscheln, ihn zu ermahnen mehr zu essen, weniger zu arbeiten und langsam zu fahren.

Was Rosa betraf, waren Herr Abenteuers Bedenken nicht ganz unbegründet. Er erinnerte sich sehr genau an den Tag im letzten Sommer, als er im Dorf angekommen war, um Rosa abzuholen und von einigen Dorfbewohnern förmlich überfallen und mit Klagen über seine Tochter überschüttet wurde. Er dachte auch an die arme kleine Ringelnatter, die sich an einem ungewöhnlich kalten, verregneten Julitag in Hankas Hof verirrt hatte und dort zusammengerollt einfach liegen blieb. Rosa fand das arme Ding, hob es ohne viel zu überlegen auf und brachte es in Hankas Gästezimmer. Hanka vermietete dieses Zimmer an Sommergäste, um ihre Kasse etwas aufzubessern. Auch letztes Jahr hatte sie Gäste aus der Stadt. Ein fades, maulfaules Ehepaar. Ausgerechnet in ihr Bett legte Rosa die zu Tode erschrockene, eiskalte Schlange, deckte sie zu und brachte ihr eine Wärmflasche. Das kleine Ding ringelte sich augenblicklich um die Wärmflasche und schlief vermutlich ein. Am späten Nachmittag kamen die Gäste von ihrem Ausflug zurück und es kam wie es kommen musste. Die Frau schlug die Bettdecke zurück mit dem Gedanken sich endlich in ein weiches, warmes Bett fallen lassen zu können und erstarrte vor Schreck. Vor ihr lag die Schlange, auf einer Wärmflasche und zischte beleidigt. Die sonst so beherrschte Frau schrie so laut auf, dass selbst Hankas Nachbarn angelaufen kamen. Alle schrien durcheinander, fuchtelten mit den Armen, die Natter zischte nur Hanka blieb ruhig. Geistesgegenwärtig packte sie das Tier, trug es hinaus und ließ es im Garten am Kompost frei. Die Gäste ließen sich freilich nicht beruhigen und reisten noch am selben Tag ab, nicht ohne sich über „das Gör“ auszulassen und zu versichern, dass sie nie wieder ihren Urlaub bei Hanka verbringen würden, solange dieser unverschämte Balg, denn die Idee, sie mit Schlangengift umzubringen sei zweifelsohne auf seinem Mist gewachsen, bei Hanka wohne. Es halfen keine Entschuldigungen und Beteuerungen, dass Ringelnattern nicht giftig seien und dass es einfach eine lebensrettende Maßnahme gewesen sei. Sie reisten noch am selben Tag ab und Rosa und Peter waren insgeheim sehr glücklich über diese Entwicklung, denn sie mochten diese Leute nicht, die ständig an allem etwas auszusetzen hatten.

Herr Abenteuer musste schmunzeln, als er an dieses Ereignis zurückdachte. Er liebte seine Rosa, auch wenn er es nicht zeigen konnte. Umständlich stieg er in das kleine Auto, winkte noch einmal zum Abschied und fuhr los. Es beruhigte ihn zu wissen, dass Rosa bei Hanka bestens aufgehoben war, denn ganz gleich was sie anstellte, Hanka stand immer hinter ihr.

„Wo sind eigentlich die anderen? Kinga und Agnes, Marius und Bozerl und Roman?“ fragte Rosa und stopfte sich noch ein Kuchenstück in den Mund. Cäcilia machte sich bereit und sie musste nicht lange warten. Rosa öffnete den Mund und Cäcilia pickte ein paar Krümel von ihrer Zunge. Peter verdrehte die Augen, sagte aber diesmal nichts. „Kartoffelkäfer sammeln“ antwortete Hanka. „Es ist eine wahre Plage dieses Jahr. Man sammelt sie ein und am nächsten Tag sind genauso viele wieder da. Wir müssen jeden Tag aufs Feld, sonst wird das nichts mit der Kartoffelernte dieses Jahr. Morgen kommst du mit, nicht wahr, mein Herz?“ „Klar komme ich mit, Peter auch, oder?“ zwitscherte Rosa. Peter wurde übel. Wenn er eines hasste, dann war es genau das; die gestreiften Viecher mit der Hand von dem Kartoffelgrün zu klauben, in ein Glas mit Deckel zu stecken und zuzusehen, wie sie erstickten. Und damit nicht genug. Die Biester klebten an den Händen fest, so dass man sie fast zerquetschen musste, um sie von der Haut zu entfernen. „Igitt“ entfuhr es Peter bei dem Gedanken. „Morgen früh um 5 geht es weiter mit dem Einsammeln“ sagte Hanka unbeeindruckt, während sie die Teller spülte. „Was muss, das muss. Danach könnt ihr schwimmen gehen. Es wird nämlich sehr heiß werden. Noch viel heißer als heute.“ Rosa gähnte und streckte sich. Langsam wurde sie müde, obwohl es noch gar nicht so spät war. Heute würde sie früh schlafen gehen, doch vorher wollte sie unbedingt die Tiere begrüßen. „Wir gehen noch in den Stall“ verkündete sie und gähnte gleich nochmal. „Ich will noch die Kühe streicheln und die Ziegen sehen. Die kenne ich noch gar nicht. Und die Hühner ins Bett bringen natürlich. Komm Peter!“ „Geht nur“ antwortete Hanka fröhlich.“ Sie freuen sich bestimmt. Ich habe nicht so viel Zeit, sie so ausgiebig zu streicheln wie du und du weißt, dass sie es sehr lieben, gestreichelt zu werden. Außerdem musste ich sie heute schon mittags von der Weide holen“ fuhr Hanka fort, während sie die Teller und Tassen abtrocknete. „Es war einfach zu heiß. Ich hatte Angst, dass sie Sonnenbrand bekommen. Seitdem liegen sie im Stall herum und langweilen sich.“

Hanka strahlte. Sie war einfach glücklich, ihre Enkelin wieder bei sich zu haben. Natürlich liebte sie Nepomuk, ihren Sohn und Rosas Vater. Aber die Liebe zu ihrer Enkelin war besonders. Vielleicht, weil Hanka als Kind genauso wild war wie Rosa, aber nicht wild sein durfte. Und alles, was sie selbst als Kind nicht durfte, erlaubte sie ihrer Enkelin. So einfach war das.
„Die Hühner brauchst du nicht ins Bett zu bringen!“ rief sie Rosa zu. „Sie schlafen auf der Veranda in den Blumentöpfen!“ „Und die Wachteln?!“ rief Rosa im Vorbeigehen. „Die könntest du bei den Ziegen antreffen. Neuerdings schlafen diese komischen Vögel auf den Ziegen!“ Rief Hanka zurück. Doch das hörten Rosa und Peter nicht mehr.

Der Stall roch göttlich. Nach Stroh und Schweiß. Geräuschvoll sog Rosa den Geruch ein. Hier fühlte sie sich wohl. Die Kühe begrüßten sie mit leisem Muhen. Erschöpft von der Hitze lagen sie im Stroh. Rosa küsste jede einzelne. „Meine liebe Phoebe“ sie schmiegte sich an Phoebes Kopf und küsste sie auf die Augen. Dann war Maria an der Reihe, dann Magdalena, Junia bekam extra Küsse auf die Augen und schließlich Lydia. Lydia war Rosas Lieblingskuh. Und Rosa war Lydias Lieblingsmensch. Manchmal nahm Rosa Lydia einfach mit, wenn sie spazieren ging. Sie brauchte keine Leine, denn Lydia folgte ihr auf Schritt und Tritt wie ein Hund. Doch jetzt lag sie schwer atmend auf der Seite und zwischen ihren vorderen und hinteren Beinen wölbte sich ein beachtlicher Hügel von Bauch. Behutsam legte Rosa ihre Hände darauf. „Oh je, Lydia, du hast es wirklich schwer. Bei der Hitze schwanger zu sein, ist sicher furchtbar.“ In der Zwischenzeit hatte Peter sich zu den Ziegen gesellt und genoss das Knabbern des jungen Ziegenböckchens an seiner Hand. Die Wachteln fiepten leise, das Stroh roch wunderbar…ach, war das herrlich. Peter schloss die Augen und genoss den Moment. „Ich werde verrückt!“ Rief Rosa. „Peter, komm her! Das Baby hat sich bewegt! Ich habe es genau gespürt!“. Peter krabbelte hinüber und legte seine Hände auf Lydias Bauch. „Oh ja, es bewegt sich nicht nur, es tritt richtig. Arme Lydia. Wird von ihrem eigenen Kind misshandelt und das noch, bevor es auf der Welt ist. Es geht wohl allen Müttern so.“ „Ach was, du Naseweis. Woher willst du wissen, dass die Mütter leiden, wenn sie ihre Babys spüren?“ „Hm, keine Ahnung, aber wenn ich mir vorstelle, ich hätte etwas im Bauch, das mich boxt und tritt und ich nicht zurück boxen könnte… Das fände ich unfair. Jedenfalls bin ich froh, dass ich ein Junge bin.“ Rosa gluckste. „Echt? Würdest du dein eigenes Baby boxen wollen?“ „Na ja, ganz leicht halt“ Peter grinste. „Moses, gib mir einen Kuss“ Rosa legte sich neben den Stier, schmiegte ihre Nase an seine und kratzte ihn unter dem Kinn und hinter den Ohren. Er ließ sich diese Zärtlichkeit ohne Widerstand gefallen. Mit halb geschlossenen Augen genoss er das Kratzen. „Wo ist dein Kopfkissen Moses?“ fragte Rosa. „Paco ist jagen. Wahrscheinlich frisst er gerade ein Babyhäschen oder seine Mutter, oder sogar beide.“ Beantwortete Peter ihre Frage gähnend. „Jedenfalls gehe ich jetzt schlafen“ verkündete er. “Ich bin gestern und heute um halb fünf aufgestanden, wegen der ekelhaften Kartoffelviecher.“ Er gähnte nochmal. „Und morgen schon wieder. Du bist doch dabei morgen früh?“ „Klar. Ich will dein Gesicht beim Einsammeln sehen“ feixte Rosa. „Außerdem treffen wir doch die anderen auf dem Feld. Kinga und Agnes, Marius und Bozerl und Roman. Darauf freue ich mich schon.“ Rosa küsste Moses ein letztes Mal, nahm Peters Hand und zusammen verließen sie den Stall. „Ich lauf dann mal zu Oma, wir sehen uns morgen. Schlaf gut“ sagte Peter. „Ja, bis morgen“ antwortete Rosa und umarmte ihm. „Auf zum Kampf gegen Kartoffelviecher“ raunte sie ihm zum Abschied ins Ohr. „Na danke, Rosa. Ich freue mich schon auf Kartoffelkäferalpträume“ Er kniff Rosa zwischen die Rippen und lief zum Gartentürchen. Winkend lief er die Straße hinunter zum Haus seiner Großmutter. Rosa ging zurück zum Haus. Lächelnd betrat sie die große verglaste Veranda. Auf dem Boden standen sechs große Blumentöpfe, in denen früher Rosen wuchsen. Doch jetzt befand sich in ihnen lediglich alte Blumenerde. Ausgerechnet diese Blumentöpfe haben die Hühner als ihre Nachtlager besetzt. Dort legten sie das eine oder andere Ei ab und einmal hat Hanka ein Huhn in einem der Töpfe brüten lassen. Heraus kamen drei, von der Erde ganz schmutzige Küken, die Hanka kurzerhand samt Henne in den Stall umsiedelte.

Sie gackerten leise, als Rosa den Raum betrat. Cäcilia hüpfte von einem der Töpfe hinunter und folgte Rosa in die Küche. „Da bist du ja. Ich dachte schon, du seist im Stall eingeschlafen“ Hanka nahm Rosa in die Arme und küsste sie auf die Stirn. „Ach übrigens, ich habe dir noch ein paar Latzhosen genäht. Sie liegen oben in deinem Zimmer auf dem Bett. Ich denke sie werden dir gefallen.“ „Oh danke! Ja, ganz bestimmt gefallen sie mir. Du denkst ja auch an alles, an die vielen Taschen, die ich unbedingt brauche und die Knöpfe und Reißverschlüsse. Du bist die Beste!“ Rosa schmiegte sich noch enger an Hanka. „Ja, ja, ich weiß, die vielen Taschen. Wenn ich dir schon keine Kleider nähen kann, weil du sie eh nicht trägst, muss ich mich anders austoben“ sagte Hanka kichernd. „ Bei der gelben Latzhose habe ich es sogar auf zwölf Taschen gebracht. Sieh sie dir an und wenn du an ihr noch ein freies Plätzchen entdeckst, dann nähe ich noch die dreizehnte Tasche an. „Zwölf sind genug, denke ich“ Rosa gähnte. „Da bin ich aber froh“ feixte Hanka. „Und jetzt ab ins Bett mit dir. Morgen früh gehen wir für zwei Stunden ins Feld, ich wecke dich um fünf.“ „Jaaaaa“ Rosa gähnte nochmal ausgiebig, küsste Hanka auf die Wangen und stieg die Treppe hoch zu ihrem Zimmer. Glücklich ließ sie sich aufs Bett fallen, sprang sogleich auf, um die Latzhosen zu begutachten, um dann noch glücklicher zurück aufs Bett zu plumpsen. Hanka hatte ihr die schönsten Latzhosen der Welt genäht. Zwei Paar kurze, zwei Paar knielange und zwei Paar lange Latzhosen, verziert mit vielen Taschen, Schlaufen, großen Brusttaschen, in denen man Küken oder kleine Katzen transportieren konnte, mit bunten Knöpfen und glänzenden Reißverschlüssen. Rosa sog den Duft – eine Mischung aus Stroh und Lavendel – tief in ihre Nase ein, dachte einmal kurz daran, dass sie sich noch die Zähne putzen wollte, dass morgen früh die Kartoffelkäfer auf sie warteten und schlief augenblicklich ein. Mai und Juni machten es sich auf der Bettdecke gemütlich, doch Cäcilia, die ebenfalls Rosa ins Zimmer gefolgt war, scheuchte sie kurzerhand vom Bett, legte sich vorsichtig neben Rosas Kopf und schlief ebenfalls ein.

Die Kartoffelkäfer mussten warten, denn am nächsten Morgen kam alles anders.

 

Autorin: Hanna Link
Setting: Kinderbuch – vorläufige Veröffentlichung der Kapitel vor Buchverkauf
Tags: Kinderbuch, Kinderabenteuer,
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